Square Enix muss sich mehr um Dragon Quest bemühen

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Endlich gab Square Enix bekannt, dass Dragon Quest XI, der neuste Teil der traditionsreichen JRPG-Reihe, im September im Westen erscheint. Im September 2018 – mehr als ein Jahr nach Japan-Veröffentlichung.

Vierhundertundzwei. So viele Tage werden seit der ursprünglichen Veröffentlichung in Japan vergangen sein, wenn Dragon Quest XI am 4. September diesen Jahres auch im Westen erscheinen wird. Endlich, ist man versucht zu sagen, kommen auch Nicht-Japaner wieder in den Genuss eines neuen Dragon Quests. Acht Jahre sind vergangen, seitdem Dragon Quest IX für den Nintendo DS erschien, seitdem kamen nur noch Handy- und Handheldports bereits bekannter Titel. Dragon Quest X, das die ursprünglichen JRPG-Gefilde der Reihe etwas verließ und ein MMORPG war, erschien zwar für gefühlt ein Dutzend Konsolen, doch ausschließlich in Japan.

Die 3DS-Version von Dragon Quest XI wird wohl nie im Westen erscheinen.

Und nun kommt der neue Teil endlich in den Westen. Naja, zumindest halb, denn man wird nur die PlayStation-4-Version lokalisieren – die Version für den Nintendo 3DS, die sich auch am Graphikstil der SNES-Spiele orientiert, wird wahrscheinlich für immer in Japan bleiben. Bedenkt man den kränkelnden Zustand, in dem sich der 3DS im Jahr 2018 befindet, ist es kein Wunder, der Handheld hat seinen Zenit überschritten und wird in den nächsten Jahren in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Natürlich würden 3DS-Besitzer vielleicht trotzdem zugreifen, mit der Switch-Version am (zugegebenermaßen weit entfernten) Horizont ist es aber eine Business-Entscheidung, die nachvollziehbar ist.

„Our aim with Dragon Quest XI and the Dragon Quest brand is to grow the audience in the West.“

Doch haha, wir reden von Square Enix! Dort gab man gegenüber den Kollegen von ign.com zu verstehen, dass dies eine Entscheidung sei, um das Publikum im Westen zu vergrößern.[1] Wie die Wegnahme einer Plattform das Publikum vergrößern soll, bedarf eines gewaltigen Gedankenspagats. Doch noch größeres Gehirnballett müssen wir tanzen, wenn wir uns wirklich vorstellen wollen, dass es Square Enix wirklich darum ginge Dragon Quest im Westen populär zu machen. Ähnliches vermeldete Square Enix bereits 2017,[2]2014 liebte man den Gedanken, Dragon Quest X zu lokalisieren,[3] im Prinzip kämpft die Reihe seit der ersten Westerscheinung 1990 um Reputation.[4] Tatsächlich ist die Guerilla-Werbung, die Nintendo 1990 betrieb (man verschickte ein Exemplar des Spiels mit jedem neuen Nintendo-Power-Abo), die wahrscheinlich größte Marketinganstrengung, die in der Geschichte der Reihe betrieben wurde. Dabei geht es doch so viel leichter: Veröffentlicht die Titel zeitnah!

Jahrelange Vernachlässigung

Vierhundertundzwei. Ich muss diese Zahl noch einmal nennen. Mehr als ein Jahr wird verstrichen sein, bis auch amerikanische und europäische Spieler die Disc des Spiels in die Konsole enlegen können. Zum Vergleich: Das gewaltige Final Fantasy XV (auch Square Enix) erschien weltweit am gleichen Tag, das etwas nischigere Persona 5 201 Tage nach Japan-Release, und selbst das diese Woche erschienene The Alliance Alive brauchte weniger als 300 Tage – und dieses Spiel ist Obernische. Die Behandlung, die Square Enix Dragon Quest XI antut, hat jedoch System.

CSV  

Nimmt man alle Dragon-Quest-Spiele, die überhaupt je im Westen (hauptsächlich Amerika) erschienen, brauchten sie im Schnitt 329 Tage (Median: 313 Tage), bis sie von der Küste Japans am sonnigen Strand Kaliforniens ankamen. Tüfteln wir die Daten aber etwas auseinander:

  • Betrachten wir nur die Erstveröffentlichung eines Spiels und dessen Lokalisierung, so brauchte man 549 Tage (Median: 384).
  • Spiele, die vor 2000 erschienen, brauchten 880 Tage (Median: 963), zwischen 2000 und 2010 270 Tage (Median: 261) und die Spiele, die seit 2010 erschienen, benötigten 360 Tage (Median: 272). Rechnet man aus dem letzten Datensatz die Handyspiele raus, die meist mit nur kurzer Verzögerung auch im Westen erschienen, erhöht sich die Zahl auf 539 Tage (Median: 456). Und betrachten wir ausschließlich Neuveröffentlichungen – also hauptsächlich Spin-Offs, aber eben auch das bevorstehende Dragon Quest XI – erhöht sie sich abermals auf 636 Tage (Median: 392).

Das war jetzt etwas viel Zahlenakrobatik, aber um den letzten Punkt noch einmal deutlicher zusammenzufassen: Mittlerweile benötigt Square Enix mehr Zeit – weit mehr als 100 Tage mehr -, um Dragon-Quest-Spiele zu lokalisieren als noch Anfang der 2000er.  Noch ist man deutlich von den Lokalisierungszeiten entfernt, die Anfang der 90er benötigt wurden, aber wenn es wirklich der Anspruch von Square Enix sein soll, die Reihe hierzulande populär zu machen, hilft nur eins: Die Spiele schnell herbringen. Sollte man wirklich wollen, die Reihe als das Qualitätsprodukt zu vermarkten, das es auch ist, sollte man es auch so behandeln, und nicht als absolutes Nischenprodukt. Frühere Konflikte, die für den Fan komplett undurchsichtig waren, wie das Fiasko von Dragon Quest VII für den 3DS, muss man vermeiden. Das Spiel erschien ganze 1327 Tage nach Japanrelease und hält damit Platz 2 in der traurigen Rangliste – Platz 1 hält Dragon Quest III, das noch 1992 für das NES erschien, ein Jahr nach dem heutigen Klassiker Final Fantasy IV.

Einen Lichtblick gibt es für Fans aber noch: Die Switch-Version. Und jeder Fan sollte beten, dass es sich um einen Port des Spiels handelt. Denn für Remakes und Ports benötigt die japanische Spieleschmiede (ohne das Debakel um Dragon Quest VII) gerade einmal 215 Tage – und das ist angesichts der Historie ja fast schon schnell.

[1]
J. Skrebels, Dragon Quest 11: PS4 and PC Release Date Announced, Switch Coming “Much Later”, No 3DS Version, Ign.Com. (2018). http://www.ign.com/articles/2018/03/28/dragon-quest-11-ps4-and-pc-release-date-announced-switch-coming-much-later-no-3ds-version (accessed March 28, 2018).
[2]
S. Romano, Dragon Quest producer talks series’ popularity in the west, hints at Dragon Quest XI localization – Gematsu, Gematsu. (2017). https://gematsu.com/2017/01/dragon-quest-producer-talks-series-popularity-west-hints-dragon-quest-xi-localization (accessed March 28, 2018).
[3]
Spencer, Square Enix Would “Love To” Bring Dragon Quest X To The West – Siliconera, Siliconera. (2014). http://www.siliconera.com/2014/09/04/square-enix-love-bring-dragon-quest-x-west/ (accessed March 28, 2018).
[4]
A. Webster, The decades-long quest to make Dragon Quest a hit in America, The Verge. (2017). https://www.theverge.com/2017/4/24/15410710/dragon-quest-heroes-ii-square-enix-japan-us-release (accessed March 28, 2018).

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4 Comments

  1. Dragon Quest VIII war ja noch ein ziemlicher Schub in Richtung Westen, da die Grafik ja hauptsächlich diesen Markt ansprechen sollte und wir ja zusätzlich Sprachausgabe und Orchestersoundtrack bekommen hatten.

    Im Nachhinein waren sie damit aber denke ich schon zu spät dran. Zur PS2 Ära kamen ja unter anderem dank Atlus auf einmal massenweise JRPGs auf den Markt, da ist Dragon Quest als damals gerade in Europa unetablierte Marke vermutlich einfach untergegangen.

    Und ja, danach wurden die Bemühungen zusehends halbherziger. Von den Dragon Quests bis Teil VI hätte ich wirklich gerne mehr gesehen als schnell vergriffene DS Umsetzungen und Handyports.

    • Ja, Dragon Quest VIII war ja aber auch das erste DQ hierzulande (Monsters ausgenommen), und dann kam erstmal wieder nichts. Die ersten beiden DS-Remakes waren dann noch recht publik, Teil VI ging komplett unter – am Ende der DS-Ära ein jahr für die Lokalisierung brauchen tötet so ein Spiel. Wenn ich mich Recht erinnere, wurden IV und V von Nintendo veröffentlicht, während Square Enix Teil VI übernahm. Ergebnis: Wieder über ein Jahr Lokalisierung, und das am Ende der DS-Ära …

      Mittlerweile hat SE einen riesigen Vertrieb, und trotzdem fällt DQ immer ab. Selbst I am Setsuna hat nur wenige Wochen egdauert, bis es kam. DQ hat keine Priorität.

      • Bei Dragon Quest VI (NDS) war ja noch nicht einmal die Lokalisierungsarbeit das Problem für die Verzögerung – die multilingualen Texte waren allesamt bereits in der japanischen Cartridge enthalten. Ich kann mich erinnern, dass DQVI für die meisten dank JP-ROM, einem Sprachpatch, der die verborgenen Texte zum Vorschein brachte und den zur NDS-Zeit sehr beliebten Flashkarten bereits ein alter Hut war, als es doch mal in den Ladenregalen auftauchte. Square Enix war nach anfänglichem Enthusiasmus beim DQVI-Remake mal wieder am zögern, ob ein Release überhaupt wirtschaftlich wäre. Nur dank Nintendo als Publisher kam es dann doch noch irgendwann, aber leider nur halbherzig ohne großes Marketing.

        Ich kann Square Enix auch nicht verstehen… Jedes Mal schaut man wieder, ob es überhaupt wirtschaftlich wäre, statt den westlichen Markt einfach mal aggressiv und kontinuierlich mit Veröffentlichungen zu bombardieren – so würde man doch mal eine Marke aufbauen! Wie sollen die Spieler an die Serie glauben, wenn es nicht einmal der Publisher tut?

        • Für einige in meinem Bekanntenkreis waren die NDS-Remakes die erste Berührung mit der Reihe überhaupt. Das war eine Chance, den Grundstein für die Zukunft zu legen. Die wurde leider nicht genutzt.

          Jetzt kann man wenigstens nahezu alle Teile auf dem Handy nachspielen, aber naja. Die DS-Remakes könnte man auch auf Steam bringen, hat man bei Final Fantasy IV ja auch gemacht. Aber wo kein Wille ist, ist auch kein Weg.

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