Was lange währt wird vielleicht gut

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Bei Erscheinen dieser Ausgabe hätte Final Fantasy XV bereits lange auf dem Markt sein sollen – hätte, denn Square Enix verschob die Veröffentlichung des Spiels auf den 29. November. Nächste Woche erscheint also eines der meisterwarteten Spiele dieser Spielegeneration. Die richtige Zeit für einen Rückblick und was die Veröffentlichung für die Zukunft bedeuten kann.

Eins ist wohl bereits klar: Final Fantasy XV hat seinen Platz in den Geschichtsbüchern schon sicher. Nur wenig Spieleentwicklungen haben einen so konfusen Verlauf genommen und haben so polarisiert wie beim neusten Teil der Final-Fantasy-Reihe. Tatsächlich hat die englischsprachige Wikipedia sogar einen eigenen Artikel, der die Entwicklungs- und Veröffentlichungsgeschichte thematisiert. Bevor also die jüngsten Ereignisse diskutiert werden können, wollen wir kurz noch einmal diese Geschichte rekapitulieren.

Das Spiel wurde ursprünglich 2006 als Final Fantasy Versus XIII angekündigt und sollte Teil von Fabula Nova Crystallis Final Fantasy sein, einem gemeinsamen Kosmos, der Final Fantasy XIII (inkl. Spin-Offs), Versus und Agito (das später als Type-0 im Westen veröffentlicht wurde) verbinden sollte. Doch lange Zeit hörte man nichts vom Team rund um Square-Enix-Veteran Tetsuya Nomura, nur häppchenweise kamen Informationen an die Öffentlichkeit. Erst 2011 sei die Pre-Production-Phase abgeschlossen und die richtige Arbeit am Spiel begonnen worden sein. An diesem Zeitpunkt sind bereits fünf Jahre seit Ankündigung vergangen. 2013 wurde das Spiel schließlich offiziell als nächster nummerierter Teil der Reihe vorgestellt, nachdem es bereits einige Gerüchte in diese Richtung gab. Hajime Tabata übernahm außerdem das Heft des Handelns von Nomura und die Produktion wurde von der PlayStation 3 auf die Next-Gen-Konsolen PS4 und X1 verschoben. Man startete also ab hier von Null – was nicht viel bedeutet, laut Entwickleraussagen soll nicht einmal ein Fünftel des Spiels fertig gewesen sein. Viele bereits ausgearbeitete Konzepte und Ideen wurden verworfen und von Grund auf neu entwickelt.

Wir spulen nun einige Jahre und zwei Demos vor ins Jahr 2016, denn nun sollte das Spiel zehn Jahre nach erster Vorstellung endlich veröffentlicht werden. Man veranstaltete ein eigenes Event, Uncovered: Final Fantasy XV, bei dem nicht nur der 30. September als Veröffentlichungsdatum bekannt gegeben wurde, sondern auch Infos zu einem begleitenden (kostenlosen) Anime, einem CGI-Film und mehreren Minispielablegern. Doch jetzt ruderte man zurück, das Spiel benötige noch Verfeinerungen, zwei Monate länger solle man warten. Der Shitstorm ließ nicht lang auf sich warten, Fans drohten in Foren mit Stornierungen ihrer Bestellung. Doch wieso eigentlich?

Versuchen wir doch einmal, die Sache genauer anzusehen. Final Fantasy XV ist ein Mammutprojekt. Der Druck innerhalb der Firma wird groß sein, zehn Jahre Entwicklungsgeschichte werden finanzielle Spuren hinterlassen haben, für die man finanziellen Erfolg braucht. Für genau diesen Erfolg muss Final Fantasy XV vom ersten Moment einschlagen wie eine Bombe. Genau das will man durch diese Verschiebung erreichen. Vergleichen wir es mit einem anderen kürzlich veröffentlichen Spiel, No Man’s Sky. Seit Ankündigung des Spiels auf der E3 2014 gab es einen unheimlichen Hype um das Spiel, der größer war als jedes Versprechen, was das Spiel je machte. Auch hier lief die Veröffentlichung nicht problemlos ab; erst verschob man das Spiel um zwei Monate, dann kursierten Videos und Berichte einer Vorverkaufsversion im Internet, die ein verbuggtes Spiel vermuten ließen. So kam es dann, dass es einen Day Zero Patch gab, der diese Probleme beheben sollte. Es folgten sehr durchschnittliche Reviews nach Launch – dies liegt sicher zu einem Teil an der überzogene Erwartungshaltung, aber die nicht reibungslos ablaufende Veröffentlichung hatte sicher auch Anteil an der mäßigen Rezeption. No Man’s Sky wird sicherlich als Spiel, was die Erwartungen nicht erfüllte und einen holprigen Start hatte, in Erinnerung bleiben.

Genau dem versucht Square Enix entgegen zu wirken. Durch die lange Entwicklungszeit und die zwischenzeitlich schlechte Kommunikation zwischen Firma und Fans sind die Erwartungshaltungen an das Spiel ins Unermessliche gestiegen. Vor allem nach dem MMORPG Ableger XIV, welches einen kompletten Relaunch benötigte, um gut zu werden, und Teil XIII, welches von den meisten Fans am liebsten vergessen werden würde. Viele Fans fordern nicht mehr oder weniger als das beste, größte und epischste Final Fantasy seit über einem Jahrzehnt. Es gibt sogar solche, die das nun erscheinende Spiel immer noch an früheren Trailern messen und verurteilen und dabei vergessen, dass es sich jetzt um ein vollkommen anderes Spiel handelt. Die Verschiebung ist jedoch sinnvoll. Statt ein unfertiges Spiel heraus zu bringen, dass mindestens einen Day-1-Patch benötigt (sowie wahrscheinlich viele weiter Patches), will man von vornherein Startschwierigkeiten ausschließen. Der weltweit gleichzeitige Release – ein Novum in der Final-Fantasy-Reihe – erleichtert das nicht. Oft dient der frühere Japan-Release als Spielwiese der Entwickler, bis der Westen eine vollständigere Version erhält. Das ist diesmal nicht möglich. Man kann sich keine Fehler erlauben, will man die selbstgesteckten Ziele erreichen.

  • Veröffentlichungsdaten von Final-Fantasy-Titeln seit VII
Mit Final Fantasy XV versucht Square Enix zum ersten Mal, einen Final-Fantasy-Haupttitel weltweit zum gleichen Termin zu veröffentlichen. Bei den vorherigen Spielen lagen zwischen Japan- und Europarelease immer mindestens drei Monate. Dafür erhielten europäische Spieler oft Zusatzinhalte, die Japaner erst in einer später veröffentlichten International Version erhielten.
TitelJapanEuropa
Final Fantasy VII31. Januar 199714. November 1997
Final Fantasy VIII11. Februar 199927. Oktober 1999
Final Fantasy IX7. Juli 200016. Februar 2001
Final Fantasy X19. Juli 200124. Mai 2002
Final Fantasy XII16. März 200623. Februar 2007
Final Fantasy XIII17. Dezember 20099. März 2010
Final Fantasy XV29. November 201629. November 2016

Eigentlich ist die Geschichte des Spiels nicht fassbar. Bei der ersten Ankündigung von Versus XIII ging ich noch zur Schule, bei Erscheinen von XV habe ich Abitur und ein Studium absolviert, gehe arbeiten. So ganz real erscheint das ganze nicht. Der Weg hierhin war holprig, manche Entscheidungen wird Square-Enix sicher bereuen. Als 2014 das Spiel für beide Next-Gen-Konsolen angekündigt wurde, war nicht abzusehen, ob Sony oder Microsoft das Rennen um Platz 1 machen würde. Es war also klug, für beide Plattformen zu entwickeln. Heute ist klar, dass Sony den Kampf klar gewonnen hat, es machen bereits Ramschpreise für die Xbox-1-Version die Runde. Es ist außerdem unklar, inwiefern die PlayStation 4 Pro an der Verschiebung des Spiels einen Anteil hat. Doch das wird niemanden interessieren, Final Fantasy XV ist historisch. Es wird definitiv ein Final Fantasy, wie man es noch nie gesehen hat, und hoffentlich der Startschuss für viele RPGs auf der PlayStation 4. Es könnte in dieser Hinsicht ein Final Fantasy VII dieser Generation werden. Und der Abschluss einer zehnjährigen Geschichte, über die man sicher wirklich eines Tages Bücher schreiben wird.

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Mathias ist Herausgeber von LEVELUP! und seit seiner Jugend begeisterter Fan japanischer Rollenspiele. Im echten Leben ist er irgendwas zwischen Physiker und Chemiker.

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