J-RPGs von A bis Z (Retro Gamer 1/2017)

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Mit nicht wenig Begeisterung erwartete ich die neuste „Retro Gamer“-Ausgabe, denn nicht weniger als eine Geschichte der japanischen Rollenspiele wurde angekündigt. Das Endergebnis ist jedoch mehr als enttäuschend.

Am Retro Gamer scheiden sich wahrscheinlich die Geister. Einerseits ist es sicherlich das größte Magazin mit dem Fokus auf Retrospiele, welches alle drei Monate auf nicht wenigen Seiten alles von C-64 bis PlayStation abdeckt. Andererseits wird die Tiefe der Artikel kritisiert, dss Heft werde vor allem mit großen Bildern gefüllt und zu viele Inhalte aus dem britischen Original einfach übersetzt und nur leicht auf den deutschen Markt angepasst. Nichtsdestotrotz kaufe ich mir das Heft unregelmäßig, denn zum Rumblättern reicht es auf alle Fälle (ein früheres Abo habe ich aus den genannten Gründen jedoch nie verlängert). In der Vorschau auf das aktuelle Heft in der letzten Ausgabe wurde jedoch ein Artikel beworben, der mein Interesse weckte: Die Geschichte der JRPGs! Auf zehn Seiten solle demnach die „Entwicklung ‚typisch japanischer‘ Rollenspiele“ nachgezeichnet werden. Mein Hirn spielte schon verrückt, denn wieviel Inhalt kann man auf zehn Seiten packen, eine Geschichte des wachsenden Erfolgs und des schleichenden Niedergangs des Genre entwerfen, auf Geheimtipps aufmerksam machen – kurzum, dieser kurze Teaser hat gereicht, um mich zum Kauf der aktuellen Ausgabe zu bewegen.

Und tatsächlich finden sich zehn Seiten über japanische Rollenspiele im aktuellen Heft, doch die erste Ernüchterung macht sich bereits beim Titel breit: „J-RPGs von A bis Z“. Statt die Geschichte des Genres nachzuzeichnen, wie angekündigt wurde, gibt es eine alphabetische Listung von Genrevertretern. Hinter manchen Buchstaben verstecken sich nicht mal Spiele, sondern wichtige Personen oder Firmen. Doch auch so eine Liste kann interessant sein. Ist sie im vorliegenden Fall aber nicht.

Arc the Lad und Breath of Fire zusammen sind nicht so wichtig wie die Artikelüberschrift …

Zu jedem vorgestellten Titel gibt es einen kurzen (oder bei wichtigeren Spielen etwas längeren) Text, der das Spiel bzw. die Spielereihe kurz umreißt und Besonderheiten vorstellt. Den Großteil der zehn Seiten nehmen jedoch Screenshots und Bilder ein, so dass die Texte wirklich knapp daherkommen. So beginnt die Liste mit Arc the Lad, doch viel mehr Information, als dass es sich um ein Taktik-RPG handelt und wieviele Teile erschienen sind, enthält der Text nicht. Bei Chrono Trigger hingegen erfährt man mehr – aber dann doch viel weniger, als es der Wikipediaartikel zum Spiel bieten würde. Manchmal werden zu bestimmten Thematiken noch eine Reihe weiterer Spiele vorgestellt, die in wenigen Sätzen beschrieben werden. Außerdem gibt es zu jedem Buchstaben noch eine kurze Aneinanderreihung von wichtigen RPG-Begriffen, die mit dem gleichen Buchstaben anfangen.

Ich kann wirklich nicht mehr sagen, als dass diese zehn Seiten Verschwendung von Papier sind. An wen richtet sich der Artikel? Genrekenner werden so gut wie jedes Spiel schon kennen bzw. gespielt haben (mir war nur Oreshika nicht geläufig), und selbst wenn nicht bieten die Texte kaum genug Infos, um Interesse zu wecken. Für Neulinge bietet der Artikel keine Anhaltspunkte, in die Thematik einzusteigen. Er erfährt nicht, was japanische RPGs ausmache, was die bedeutsamsten Titel sind, oder auf welche angekündigten Titel man sich derzeit freuen könne. Es ist wirklich enttäuschend, wenn in der Einleitung des Artikels steht, man erfahre „alles, was [man] über das Genre wissen müss[e]“, ohne auch nur einmal zu erwähnen, inwiefern sich das JRPG als Genre von anderen Rollenspielen abgrenzt, oder wie das Genre entstand. Nach Wichtigkeit sind nur die Größen der Texte sortiert, und da ist Mario auf einer Stufe mit Chrono Trigger oder Final Fantasy (ja, wirklich. Retro Gamer, es geht nicht immer um Mario!). Der Höhepunkt ist jedoch der Buchstabe S – denn hier stellt man gar kein Spiel mit Text vor (nur Secret of Mana kurz), stattdessen sind zwölf Spiele aufgelistet, die mit einer Prozentanzeige irgendetwas anzeigen. Ganz klar wird das nicht, der Artikel nennt es selber „Favoriten-Anzeige“, aber wie sie zu Stande kommt, wird nicht erklärt. Immerhin addieren sich die einzelnen Werte zu 100%.

Beim ersten Blättern war ich außerdem etwas verwirrt, da ich zwölf Seiten statt zehn vorfand. Denn direkt an den Artikel sind auf zwei Seiten Werbeanzeigen zu JRPGs gelistet, die man an zwei Merkmalen erkennt: In der Ecke der Seite steht „ANZEIGE“ und es scheint mehr journalistische Arbeit in die Werbetexte geflossen zu sein als in den eigentlichen Artikel. Das ist tatsächlich eine Frechheit, denn inhaltlich sind es zwar wirkliche Werbetexte, doch sind sie wie ein journalistischer Artikel geschrieben und aufgemacht. Die Werbung zu Persona 5 hat außerdem noch das falsche Erscheinungsdatum, da die Deadline des Magazins wahrscheinlich vor der kürzlichen Änderung des Termins lag.

Richtlinie 7.1 des Pressekodexes sagt, dass redaktioneller Text von Anzeigen unterscheidbar sein muss. Erkennbar hier daran, dass Text und nicht Bilder den Großteil des Layouts einnehmen – Retro-Gamer-untypisch! (Nein, natürlich steht oben in der Ecke die Deklarierung als Anzeige)

Der Artikel ist eine vertane Chance, bestätigt aber mein Bild vom Retro Gamer: Viel Graphikschnickschnack, wenig Inhalt, schlecht recherchiert. Bedenkt man noch den Preis, für den man fast eine RETURN und eine RETRO bekommt, die zusammen mehr Inhalt und Tiefe bieten, kann man sich die Retro Gamer getrost sparen. Vielleicht reicht man ja irgendwann noch einen richtigen Artikel nach, doch dann blättere ich erstmal am Kiosk, bevor ich blind kaufe.

Und zu guter Letzt – eine Auflistung von inhaltlichen Fehlern und Ungereimtheiten von A bis Z:

  • A – Man vergisst zu erwähnen, dass Twilight of the Spirits auch für die PlayStation 4 als PS2-Classic erhältlich ist (und alles andere als mäßig ist). Den letzten Teil der Reihe, End of Darkness, nennt man auch nicht, aber das ist vielleicht auch besser so.
  • C – Nein, das Novum von Chrono Trigger war nicht der Verzicht auf Zufallskämpfe. Darauf verzichteten viele Spiele bereits (im Bereich der rundenbasierten RPGs z. B.  das auf derselben Seite erwähnte Earthbound). Das Novum war, dass es keinen separaten Kampfbildschirm für die Kämpfe gab, sondern diese ohne Hintergrundswechsel auskamen. Die PlayStation-Veröffentlichung und das Japan-exklusive Radical Dreamers erwähnt man erst gar nicht. Weiterhin gibt es 14 und nicht 13 Enden – ein Bad Ending und 13 richtige (inkl. einem DS-Remake-exklusiven).
  • D – Dragon Quest VIII war der erste Hauptteil, der in Europa erschien. Vorher erschien aber bereits der Ableger Dragon Quest Monsters. Und es trug nicht weltweit den gleichen Titel, da man in Europa kurzerhand die Nummerierung strich und das Spiel nur Dragon Quest: Die Reise des verwunschenen Königs hieß.
  • E – Love Match Tennis erschien 1983, nicht 1985.
  • F – Es ist kein besonderes Merkmal der Final Fantasy-Reihe, dass einzelne Spiele nicht aufeinander aufbauen. Es ist tatsächlich gängiger, dass Spiele nicht unmittelbar aufeinander aufbauen (was auch beim Durchschauen der Liste im Artikel sofort klar wird).
  • Q – Quest 64 in eine Liste bedeutsamer RPGs aufzunehmen ist an sich ein Fehler. Aber na gut, mir fällt auch kein anderes gutes RPG mit dem Anfangsbuchstaben an.
  • S – OK, hier wir es etwas obskur und hat eher mit Qualitätssicherung zu tun. Zunächst einmal wird als Erstveröffentlichungsplattform von Shin Megami Tensei der SFC (Super Famicom) erwähnt, was natürlich stimmt – aber bei all anderen Spielen hat man auf eine Unterscheidung zwischen Famicom und NES verzichtet (und auf der selben Seite wird bei Star Ocean Super Famicom ausgeschrieben). Bei Secret of Mana offenbart sich ein weiterer Makel der Liste, die nie so richtig zwischen einzelnen Spielen und Spieleserien unterscheidet. Denn natürlich müsste es Seiken Densetsu heißen, wozu dann beispielsweise auch Sword of Mana (oder das Original), Legend of Mana oder Dawn of Mana gehören. Statt Secret of Mana nennt ein Text unten auf der Seite sogar Legend of Mana.
  • X – Es ist irgendwie unklar, wieso das das einzige Spiel ist, bei dem Wert darauf gelegt wird, dass es sich um eine Reihe handelt – und dann auch noch auf Englisch Xeno Series statt Xeno-Reihe (wahrscheinlich basiert der ganze Artikel auf einem britischen Originalartikel). Und Xenosaga und Xenoblade sind natürlich nicht nur weitere Teile der Reihe, sondern eigene Spielereihen innerhalb der Reihe. Man hätte außerdem erwähnen können, dass weder Xenogears noch Xenosaga so wirklich abgeschlossen sind.
  • Y – Kein Fehler, aber es freut mich, dass Ys so viel Platz erhielt.
  • Z – Und hier ein Anhaltspunkt, wie man einen interessant(er)en Artikel hätte schreiben können: Ist Zelda ein RPG? Was macht ein (J)RPG überhaupt aus? Die genannten Argumente sind schwach – bei Kingdom Hearts wird nicht bezweifelt, dass es ein RPG sei, obwohl es auch Action-Adventure-Einlagen und ein auf Geschick basierendes Kampfsystem enthält. Aber die Open World des kommenden Zeldas mache die Sache klar – so als ob die Reihe noch nie eine offene Welt gehabt hätte und als ob dies ein Kriterium für die Genrezuordnung sei. Das verstehe wer will.

Irgendwie bin ich jetzt ausgelaugt und dabei gibt es sicher noch viele Fehler zu finden. Aber ich habe das Gefühl, dass das eigentlich nicht meine Aufgabe ist.

CC BY-NC-SA 4.0 J-RPGs von A bis Z (Retro Gamer 1/2017) von LEVELUP! ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Mathias ist Herausgeber von LEVELUP! und seit seiner Jugend begeisterter Fan japanischer Rollenspiele. Im echten Leben ist er irgendwas zwischen Physiker und Chemiker.

2 Comments

  1. Mein Retro Gamer Abo habe ich auch nicht mehr. Die vielen Bilder finde ich eigentlich nicht so schlimm, machen gedruckt ja auch etwas her. Aber aufgrund vieler Fehler und anderer inhaltlichen Unzulänglichkeiten in den Artikeln werde ich das Magazin wohl auch eher sporadisch kaufen. Dieser Artikel hat mir auch einen enttäuschend oberflächlichen 2-Seiten Beitrag über die Xeno-Reihe in Erinnerung gerufen.

    Bei Twilight of the Spirits muss ich den Kollegen allerdings beipflichten, da waren mir die Kämpfe zu langatmig, und bei einer Eskort-Mission mit einer suizidalen AI hat mich das Spiel endgültig verloren.

    • Ich geh jetzt nicht die Ausgabe durch, aber sicher bis zu 5% des Layouts bestehen ausschließlich aus großen Bildern (gibt ja auch diese Rubrik, wo einer über ein Spiel schreibt). Ich find es ab und zu als Eyecatcher ganz gut, aber dann mit 144 Seiten Inhalten zu prahlen find ich daneben. Aber für mich ist auch die inhaltliche Ebene wichtiger und die ist bei mir oft kaum gegeben. Oft finde ich nur ein Zehntel des eigeen Inhalts richtig interessant und 12€ sind mir für eine Klolektüre dann doch zu viel…

      Und Twilight of the Spirits ist super! Aber nicht ohne Macken, klar. Aber die deutsche Sprachausgabe ist ja schon fast kult. 😀

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