Ein Genre macht Dampf

von

Befragt man Kenner nach der besten JRPG-Konsole aller Zeiten, wird man als Antwort sehr wahrscheinlich PSX, SNES oder DS hören. Den PC werden die wenigsten auf dem Schirm haben – doch dies ist derzeit im Begriff sich zu ändern.

Zugegeben, das Genre hat sich schon um 2000 rum auf Heimcomputern versucht. Neben den beiden Hochkarätern Final Fantasy VII und VIII erschienen auch Breath of Fire IV und Grandia II damals als PC-Portierungen. Doch obwohl Rollenspiele im Westen traditionell auf Computern verankert waren, mit den frühen Vertretern Ultima und Might & Magic sowie später mit Gothic und Elder Scrolls, konnten sich die japanischen Cousins dort nie wirklich festsetzen. Dies ist sicherlich mit der Vorliebe des heimischen Publikums zu begründen, der PC spielt im Land der aufgehenden Sonne nur eine untergeordnete Rolle als Plattform für Videospiele. Selbst das 2002 erschienene Final Fantasy XI wurde in Japan erst für die PlayStation 2 veröffentlicht, bevor es auch eine Umsetzung für den PC gab.

Doch seit ein paar Jahren scheinen japanische Entwickler das große Potenzial der Plattform zu erkennen, der Marktführer Steam hat weit über hundert Millionen aktive Benutzer. Und ein großer Teil davon gehört sicher zu einer Zielgruppe, die man mit Konsolenveröffentlichungen nicht erreicht. Dementsprechend sehen sich Rollenspieler mit immer mehr Veröffentlichungen konfrontiert. Ein großer Teil davon besteht aus Portierungen: So ist mittlerweile fast die gesamte ”Final Fantasy”-Reihe dort spielbar, ebenso Grandia II (welches kurioserweise auf der Dreamcast- und nicht der ursprünglichen PC-Version basiert), die „Hyperdimension Neptunia”- sowie die „Trails in the Sky”-Reihe. Jedoch gibt es auch immer mehr Spiele, die schon bei Release auch auf dem PC erscheinen. „I am Setsuna” erschien jüngst bei uns sowohl für PS4 als auch auf Steam – dass dafür jedoch die Vita-Version gekürzt wurde, soll hier nicht Thema sein. Westliche, von JRPGs inspirierte Spiele wie „Citizens of Earth”, Spiele von „Zeboyd Games” wie das noch nicht erschienene „Cosmic Star Heroine”  oder das sehr erfolgreiche „Undertale” finden ebenfalls auf dem PC ein erstes Heim.

Und in vielen Fällen zahlt es sich aus. Undertale verkaufte sich über 1,8 Millionen mal auf Steam*, Final Fantasy VII über eine Million mal. Doch selbst Spiele, deren ursprünglicher Release mehr oder minder floppte, erleben durch Steam Aufschwung. Das Square-Enix-RPG „The Last Remnant”, welches sich auf der Xbox 360 knapp 500.000-mal verkaufte, kommt auf Steam auf 850.000 Verkäufe. Oder „Valkyria Chronicles”, dessen ursprüngliche PS3-Veröffentlichung sich wohl noch schlechter verkaufte, jedoch am Tag des Releases auf Steam die Verkaufscharts noch vor Call of Duty oder Assassin’s Creed anführte und mittlerweile auf 800,000 verkaufte Einheiten kommt. Und dieser Erfolg nützt dem Franchise: eine PS4-Version, die auf der PC-Version basierte, erschien dieses Jahr und ein neuer Titel wurde ebenfalls angekündigt. Angespornt von diesem Erfolg gibt es nun Fankampagnen, die Steam-Veröffentlichungen ihrer geliebten Spiele anstreben (so das Suikoden Revival Movement für Suikoden oder eine Twitter-Initiative für Skies of Arcadia). Auch NISA setzt vermehrt auf PC-Ports. So wurde kürzlich ein Steam-Release von Disgaea 2 angekündigt, nachdem bereits Disgaea und Phantom Brave dort erschienen.

Bei diesen Verkaufszahlen muss natürlich bedacht werden, dass diese Spiele auch oft in Sales oder Bundles vertreten sind, was die Verkäufe erhöht. Doch der Erfolg ist trotzdem offensichtlich, vor allem wenn man bedenkt, dass viele Spiele ebenfalls auf anderen PC-Plattformen wie gog angeboten werden. Jedoch gibt es auch Gegenbeispiele: Während sich „The Legend of Heroes: Trails in the Sky” 200.000-mal verkaufte, schafft es der Nachfolger gerade einmal auf 26,000. Trotz dieses ernüchternden Erlebnisses wurde „the 3rd” bereits für nächstes Jahr angekündigt, erneut mit Veröffentlichung auf Steam. Auch GungHo hat wahrscheinlich auf mehr als 60.000 Verkäufe von Grandia II gehofft. Doch sind unterdurchschnittliche Verkaufszahlen eines totgeglaubten Franchises immernoch profitabler als gar keine Veröffentlichung, die Herstellungskosten sollte man bereits wieder eingespielt haben.

Mittelfristig wird sich der PC als zusätzliche Plattform für JRPGs etablieren. Im Moment sind die großen Firmen und Marken die Zugpferde, doch im Windschatten kommen die kleinen Publisher hinterher. Jetzt wo die Plattform noch nicht mit Rollenspielen überläuft (mit der Ausnahme von RPG-Maker-Spielen mit stark schwankender Qualität), hat man noch die Möglichkeit aufzufallen und interessierte Käufer zu erreichen. Es wird spannend zu beobachten, inwiefern Publisher den Computer als ernsthaftes Veröffentlichungsmedium nutzen werden. Die Nachfrage ist auf jeden Fall da.

*Alle Steam-Verkaufszahlen wurden von steamspy erhoben. Mehr dazu, wie diese Zahlen zustande kommen, findet man hier.

CC BY-NC-SA 4.0 Ein Genre macht Dampf von LEVELUP! ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Mathias ist Herausgeber von LEVELUP! und seit seiner Jugend begeisterter Fan japanischer Rollenspiele. Im echten Leben ist er irgendwas zwischen Physiker und Chemiker.

1 Comment

  1. Bin ich also nicht der einzige, dem aufgefallen ist, was für eine JRPG Maschine der PC mittlerweile eigentlich geworden ist. Die PS4 verblasst dagegen schon fast, da die dort erhältlichen JRPGs entweder nicht mehr exklusiv, oder nicht interessant sind (zumindest für mich).

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*